00:11
Willkommen bei Mordlust, einem Podcast über wahre Verbrechen, produziert von der Partner in Crime in Zusammenarbeit mit Studio Womens. Mein Name ist Paulina Kraser.
00:20
Und ich bin Laura Wohlers. In jeder Folge erzählen wir euch von einem Kriminalfall aus Deutschland. Dabei schauen wir uns juristische, psychologische und gesellschaftliche Aspekte an und sprechen mit Menschen mit Expertise, Beteiligten oder Betroffenen.
00:33
True Crime heißt eben auch, dass hinter jedem Fall echte Menschen und ihre Schicksale stehen. Das solltet ihr beim Hören nicht vergessen. Wir berücksichtigen das auch bei unserer Arbeit. Und wenn ihr merkt, dass euch bestimmte Themen nicht gut tun, dann passt lieber auf euch auf und skippt die Folge. Und weil wir bei all der Schwere zwischendurch aber auch mal etwas Luft brauchen, erlauben wir uns manchmal kleine Abschweifungen. Das ist aber nicht despektierlich gemeint.
00:57
Heute sprechen wir über einen der rätselhaftesten vermissten Fälle der deutschen Kriminalgeschichte und zeichnen den Kampf zweier Angehöriger nach, die es sich zur Lebensaufgabe gemacht haben, das Schicksal ihres kleinen Lieblingsmenschen aufzuklären. Die passende Triggerwarnung findet ihr wie immer in der Folgenbeschreibung.
01:15
Es ist das Klingeln des Festnetztelefons, das am Freitagvormittag des 6. Januar 2006 die Ruhe im Zuhause von Johann und Maria Schmitz in baden-württembergischen Schwetzingen durchbricht. Bisher haben der 71-Jährige und seine drei Jahre jüngere Frau einen ruhigen, gar unspektakulären Tag erlebt. Als der Rentner mit der schlagsigen Figur und der runden Brille das Telefon erreicht, erkennt er die vertraute Nummer auf dem Display sofort. Es ist Manuela, die ihn anruft, seine erwachsene Tochter.
01:45
Johann stellt sich bereits auf einen kleinen Plausch mit ihr ein. Doch Manuela macht am anderen Ende der Leitung klar, dass nicht sie Gesprächsbedarf hat, sondern ihr Sohn. Felix möchte mit dir reden, verkündet sie nach einem schnellen Hallo. Dann hört Johann, wie das Telefon weitergereicht wird. Felix, seit fast drei Jahren ist dieser Name für Johann und Maria ein Synonym für Liebe und Glück. Felix ist ihr erstes und einziges Enkelkind. Schon als sie ihn nach seiner Geburt im April 2003 das erste Mal im Arm hielten, blickten sie voller Zuneigung und Wärme auf ihn herab.
02:20
Mittlerweile ist Felix zwar kein Baby mehr, dafür aber ein quirliges Kleinkind, das ihre Herzen im Sturm erobert hat. Johann und Maria verbringen viel Zeit mit Felix. Sie gehören nicht zu der Sorte Großeltern, die ihre Enkelkinder nur an Geburtstagen oder an Weihnachten zu Gesicht bekommen. Fast jeden Tag steht der knapp Dreijährige mit den braunen Kulleraugen und den kurzen dunklen Haaren gemeinsam mit Mutter Manuela vor ihrer Haustür und fällt ihnen in die Arme. Dann läuft er direkt in das Spielzimmer, das sie extra für ihn eingerichtet haben.
02:51
Felix ist der ganze Stolz seiner Großeltern. Er ist ihr kleiner Sonnenschein und sein helles Kinderlachen, das regelmäßig durch ihr Reihenhaushalt, ist für Johann und Maria das schönste Geräusch der Welt.
03:04
Vor allem Opa Johann hat eine ganz besondere Bindung zu seinem Enkel. Die beiden haben ein Ritual. Jedes Mal, wenn Felix zu Besuch ist, klettert er auf einen Stuhl, der vor einem Regal positioniert ist. Dann greift er mit seinen kleinen Händen nach dem Schokoriegel, den sein Großvater dort vor ein paar Büchern für ihn abgelegt hat. »Opa noch einen«, flüstert Felix ihm regelmäßig in die Ohren, »wenn nur noch das Süßigkeitenpapier übrig ist.« Jedes Mal bringt das den 71-Jährigen zum Schmunzeln, denn sein Enkel weiß offenbar ganz genau, wie schwer es Opa fällt, ihm einen Wunsch abzuschlagen.
03:39
Dass Johann und Maria so viel Zeit mit Felix verbringen, liegt auch daran, dass sie ihre Tochter Manuela entlasten wollen, die, zumindest unter der Woche, ihren Alltag als Alleinerziehende bestreitet. Manuela und ihr Ex-Mann Michael, Felix' Vater, haben sich getrennt, als Felix etwa sieben Monate alt war. Seit einem halben Jahr sind die einstigen Eheleute geschieden. Ein Schritt, der bei Johann und Maria insgeheim für Erleichterung gesorgt hatte.
04:04
Jahrelang hatte Michael ihnen angepriesen, dass er nach seinem Germanistikstudium Lehrer werden würde, doch stattdessen hangelte er sich so lange von einem Gelegenheitsjob zum nächsten, bis die beiden schließlich gar nicht mehr wussten, womit er gerade sein Geld verdiente. Johann und Maria stellten schnell fest, Michael ist ein Mann der großen Worte, nicht jedoch der Taten.
04:25
Tochter Manuela hatte ihren Ex immer wieder verteidigt, wenn ihre Eltern wieder einmal kritisch über ihn sprachen. Doch als Michael sich auch nach Felix' Geburt nicht bereit zeigte, Verantwortung zu übernehmen und sein Leben in geordnete Bahnen zu lenken, zog auch sie nach 13 Jahren Beziehung die Reißleine. Seitdem lebt Felix bei Manuela in Oftersheim und sieht seinen Vater regelmäßig an den Wochenenden. Eigentlich steht auch heute wieder ein gemeinsames Vater-Sohn-Wochenende an. Doch als Johann die Stimme seines fast dreijährigen Enkels am anderen Ende der Leitung hört, ist ihm sofort klar, dass Felix davon heute offenbar alles andere als begeistert ist.
05:02
Felix weint. »Opa«, hört Johann ihn mehr wimmernd als sprechend sagen. »Opa, bitte komm mich abholen. Ich möchte heute nicht zu Papa.« Johann ist irritiert. Was ist denn nun los? Felix und sein Vater haben eigentlich ein gutes Verhältnis zueinander. Er selbst mag von seinem Ex-Schwiegersohn nicht viel halten, doch ein liebevoller Vater für seinen Sohn ist er in jedem Fall. Johann entscheidet sich für liebevolle, rationale Worte. »Das geht nicht, Felix«, erklärt er ihm mit ruhiger Stimme.
05:34
Behutsam macht er ihm klar, dass nun Papa Wochenende sei und sie einander nächste Woche wiedersehen. Dann spielen wir auch wieder schön zusammen, verspricht er seinem Enkel. Felix scheint nicht ganz überzeugt, doch letztendlich gibt er sich geschlagen. Nach wenigen Minuten beendet Johann schließlich das Telefonat in der Überzeugung, Felix beruhigt zu haben.
05:54
Doch was der 71-Jährige zu diesem Zeitpunkt nicht ahnt, er wird das Gespräch schon bald bis ins kleinste Detail analysieren und sich wünschen, er hätte sich an diesem 6. Januar 2006 einfach ins Auto gesetzt, um seinen Enkel abzuholen.
06:11
Zwei Tage, nachdem Enkel Felix seine Großeltern weinend angerufen hat, klingelt bei Johann und Maria erneut das Telefon. Auch dieses Mal leuchtet die Festnetznummer ihrer Tochter Manuela auf dem Display des Hörers auf. Vielleicht ist es wieder Felix, der vom Wochenende mit seinem Papa berichten will. Oder er will wissen, wann er kommende Woche wieder von ihnen betreut werden kann. Doch an diesem Abend des 8. Januar 2006 meldet sich keine Kinderstimme zu Wort, sondern ihre besorgte Tochter. Felix sei nicht nach Hause gekommen.
06:41
Aufgeregt berichtet sie, dass Michael Felix um 18 Uhr hätte zurückbringen sollen. Das hatten die beiden so vereinbart. Doch inzwischen ist es 18.30 Uhr. Klar, kann sich jeder mal verspäten, aber ihr Ex-Mann sei auch telefonisch nicht zu erreichen gewesen. Daraufhin, erklärt Manuela aufgelöst, sei sie sogar zu Michaels Wohnung gelaufen, die sich nur wenige Straßen entfernt von ihrem Zuhause befindet. Doch auch dort habe niemand auf ihr Klingeln reagiert.
07:08
Johann und Maria tauschen besorgte Blicke aus. Dass ihr Ex-Schwiegersohn unzuverlässig ist, ist erstmal nichts Neues. Schon oft hat er seit der Trennung Besuchstermine kurzfristig abgesagt oder verschoben. Doch dass er Felix nicht zurückbringt und auf Anrufe nicht reagiert, ist neu.
07:24
Johann und Maria würden ihrer Tochter gerne gut zureden. Ihr sagen, dass Michael wahrscheinlich einfach die Zeit vergessen hat und Felix schon gleich wieder vor ihrer Haustür stehen wird. Doch all diese Dinge bringen sie nicht über die Lippen. Denn auch sie beschleicht bereits ein ungutes Gefühl. Irgendetwas stimmt hier ganz und gar nicht. Und so geben sie ihrer Tochter einen klaren Ratschlag. Sie solle sofort die Polizei verständigen.
07:52
Mittlerweile hat sich die frühe winterliche Dunkelheit über die kleine Gemeinde in Baden-Württemberg gelegt. Auf der Polizeistation nehmen die Beamtinnen Manuelas Aussage auf, dass ihr Ex-Mann ihren Sohn nicht zur verabredeten Zeit nach Hause gebracht hat. Unter normalen Umständen würde Felix jetzt bereits schlafen, doch stattdessen steht sein Kinderbett leer und sowohl seine Mutter als auch seine Großeltern haben keine Ahnung, wo der knapp Dreijährige und sein Vater sind.
08:17
Die Polizei nimmt die Sache ernst. Da der Kleine das Wochenende bei seinem Vater verbracht hat und dieser nicht erreichbar ist, besteht immerhin die Möglichkeit, dass es sich hier um einen Fall von Kindesentzug handelt. Bereits am nächsten Morgen bringen PolizistInnen daher ihren Einsatzwagen vor einem Wohnkomplex mit weißem Anstrich zum Stehen.
08:35
Es ist die Adresse von Michael Heger, Felix' Vater. Um Felix zu finden, haben die Beamtinnen entschieden, an diesem 9. Januar selbst zur Anschrift des 39-Jährigen zu fahren. Womöglich halten Vater und Sohn sich doch in der Wohnung auf und hatten auf die Kontaktversuche von Felix' Mutter schlichtweg nicht reagiert. Nachdem niemand auf ihr Klingeln und Klopfen antwortet, verschaffen sie sich selbst Zutritt. Kurz darauf stehen die Beamtinnen in einer Einzimmerwohnung, in der das pure Chaos herrscht. Michael Hegers Zuhause ist regelrecht zugemüllt.
09:07
In der Küche stapelt sich schmutziges Geschirr, auf dem Boden liegen Kleidungsstücke, Spielsachen und Einwegwendeln und im Flur steht eine Kindermatratze hochkant an eine Wand gelehnt.
09:17
Nicht unbedingt eine Umgebung, in der man ein knapp dreijähriges Kind unterbringen möchte. Hier sind sowohl der kleine Felix als auch sein Vater jedenfalls nicht. Doch das Aufsuchen der Wohnung war nicht umsonst. Inmitten einer zerwühlten Decke auf Michael Hegers Bett entdeckten die Beamtinnen etwas, das ihnen klar macht, sie müssen Felix und seinen Vater schnell finden. Denn womöglich hat soeben ein Wettlauf gegen die Zeit begonnen.
09:43
Nur wenige Stunden später sind Kolonnen aus grün-weißen Einsatzwagen überall auf den Straßen in Oftersheim zu sehen. Die Polizei hat sich dazu entschieden, per Großaufgebot nach den beiden zu suchen.
09:55
Zahlreiche BeamtInnen nehmen nun ihren Wohnort als auch umliegende Orte und Gemeinden unter die Lupe.
10:01
Noch ist unklar, seit wann Vater und Sohn, die ein gemeinsames Wochenende verbringen wollten, genau verschwunden sind. Eine Bekannte des Vaters erzählt der Polizei, die beiden noch am Freitagnachmittag im Oftersheimer Wald gesehen zu haben. Einem Forstgebiet, das sich direkt südlich von Schwetzingen erstreckt. Sie habe sich kurz mit Michael Heger unterhalten, so die Frau. Dabei sei ihr aufgefallen, dass Felix sich sehr komisch verhalten habe. Er sei ganz in sich gekehrt gewesen und habe richtig gefremdelt. Ein Verhalten, das sie von dem Jungen so eigentlich nicht kenne.« Als Felix' Großeltern Johann und Maria das hören, sind sie überzeugt, dass das kein gutes Zeichen ist.
10:41
Trotzdem versuchen die beiden RentnerInnen eine Stütze für Tochter Manuela zu sein. Immer wieder reden sie beruhigend auf sie ein, um ihr inmitten dieser emotionalen Ausnahmesituation Kraft und Zuversicht zu schenken.
10:54
Auch wenn sie sich selbst große Sorgen machen. Wo ist Felix? Warum hat Michael ihren Enkel nicht wie verabredet zurückgebracht? Dass Michael mit der aktuellen Familiensituation unzufrieden ist, ist kein Geheimnis. Ein ganzes halbes Jahr lang hatte er sich nach Manuelas Trennungsentschluss damals geweigert, aus der gemeinsamen Wohnung auszuziehen.
11:15
Auf Johann und Maria wirkte es so, als habe er nicht hinnehmen wollen, dass ihre Beziehungen und ihr gemeinsames Familienleben gescheitert sind. Und als er dann doch ausgezogen war, haben Manuela und er sich vor Gericht um das Sorge- und Besuchsrecht für Felix gestritten. Die beiden glauben zwar, dass Michael sich mittlerweile damit arrangiert hat, doch sie haben schon länger den Eindruck, dass ihm die verabredeten Wochenenden mit Felix nicht genügen und er seinen Sohn gerne öfter um sich hätte.
11:41
Ist Michael womöglich mit Felix abgehauen, um ihn ganz für sich zu haben? Oder will er Manuela absichtlich verängstigen und sich dadurch in irgendeiner Form an ihr rächen? Inmitten dieses Schwebezustands der Ungewissheit muss Johann immer wieder an das letzte Telefonat mit seinem Enkel denken. Als Felix ihm weinend verkündete, nicht zu seinem Vater zu wollen. Daran, dass Felix ihn angebettelt hatte, ihn abzuholen. Vielleicht hatte Felix geahnt, dass an dem Wochenende etwas geschehen würde.
12:10
Johann vermutet, dass sein Enkel Angst hatte. Wovor auch immer.
12:16
Es ist der 10. Januar 2006, keine 24 Stunden später. In Bühlertal, einer kleinen Gemeinde am Rande des Schwarzwalds, knapp 100 Kilometer südlich von Schwätzingen entfernt, sind ein paar Beamtinnen auf Streifendienst. Da fällt ihnen auf einem kleinen, vereisten Parkplatz ein etwas leblos abgestellter Wagen auf. Es ist ein weißer Opel Astra mit einem gläsernen Schiebedach. Sie nähern sich und sehen, dass das Auto nicht abgeschlossen ist und verlassen dasteht.
12:45
Auf dem Rücksitz befindet sich ein gemusterter Kindersitz. Die Beamtinnen kontaktieren die Polizeidienststelle. Das Kennzeichen wird überprüft. Es ist das Auto eines Mannes, nach dem ihre Kolleginnen suchen. Michael Heger. Der Fund des Fahrzeugs wirft Fragen auf.
13:03
Warum befindet es sich im nördlichen Schwarzwald, rund eine Stunde Fahrt von Felix und Michaels Wohnort entfernt? Möglich, dass Michael sein eigenes Fahrzeug hier absichtlich zurückgelassen hat. Einen Engpass an Benzin können die Beamtinnen jedenfalls schnell ausschließen. Der Opel ist nahezu vollgetankt und hätte Vater und Sohn noch problemlos eine lange Strecke beschert. Es muss also eine andere Erklärung dafür geben, warum Michael Heger seinen Pkw ausgerechnet hier abgestellt hat.
13:30
Die PolizistInnen beginnen sich das Fahrzeug und die Fläche drumherum genauer anzusehen. Schnell machen sie dabei eine besorgniserregende Entdeckung. An einigen Stellen des Autos haftet Blut. Und auch in der weißen Schneedecke zu ihren Füßen sind rote Blutstropfen deutlich zu erkennen. Die BeamtInnen sind alarmiert. Sie könnten von Vater Michael Heger oder dem kleinen Felix stammen.
13:52
Da die Blutspuren in den Wald hineinführen, trommelt die Polizei nun zahlreiche Kräfte zusammen. Wenig später marschieren Hundertschaften durch das Waldgebiet in Bühlertal. Die Beamtinnen stellen sich in Ketten auf, nur wenige Meter voneinander entfernt, und arbeiten sich Schritt für Schritt vor. Sie wollen den Wald systematisch durchkämmen. Aber das ist leichter gesagt als getan, denn im Dickicht des Schwarzwalds warten steile Hänge, ungestützte Bäume, Felsen und dichtes Unterholz auf sie. Eisige Temperaturen und Schneefall erschweren ihre Arbeit zusätzlich.
14:24
Und über allem hängt der Zeitdruck. An diesem Januartag bleiben ihnen nur wenige Stunden, bevor es wieder dunkel wird. Auch Angehörige der Bergwacht beteiligen sich an der Suche und seien sich immer wieder steile Abhänge hinab, während ein Polizeihubschrauber über die dicht an dicht stehenden Bäume kreist.
14:40
Um Felix und seinen Vater zu finden, lassen die Einsatzkräfte nichts unversucht. Doch sie finden tagelang nichts, was ihnen bei ihrer Suche weiterhelfen könnte. Dann endlich, am 13. Januar und damit fünf Tage, nachdem Felix nicht nach Hause zurückgekehrt ist, machen sie im Wald eine Entdeckung, die nahelegt, dass Vater und Sohn nicht weit entfernt sein können.
15:03
Etwa 300 Meter oberhalb des Parkplatzes, auf dem Michael Hegers Auto stand, finden PolizistInnen eine kleine Felsnische. Optisch erinnert sie an eine kleine Höhle. Aber die BeamtInnen kommen schnell zu der Überzeugung, dass Michael Heger den Ort als Biwak benutzt haben könnte. Also eine Art Unterschlupf, in dem er und Felix sich ausgeruht oder gar übernachtet haben könnten. Denn auf dem Boden befinden sich mehrere Dinge, die jemand hier zurückgelassen haben muss. Darunter eine Herrenjacke und ein Portemonnaie.
15:33
Aber auch ein einzelner Kinderhandschuh. Dinge, die schon bald Michael und Felix Heger zugeordnet werden können.
15:40
Denn in der Geldbörse stecken Michaels Personalausweis und seine EC-Karte. Und aus der gefundenen Jacke fischen sie eine ausgedruckte Kopie seines Führerscheins. Neben Michael Hegers Namen ziert das Dokument ein Foto des 39-Jährigen mit dem rundlichen Gesicht und der eckigen, gerahmten Brille. Auf der Rückseite der Kopie steht etwas, das ihre Aufmerksamkeit auf sich zieht. Die PolizistInnen blicken auf einige handschriftliche Zeilen, die mit Bleistift geschrieben wurden. Offenbar schreibt hier Michael über seine Exfrau.
16:11
»Die vergangenen Jahre seien von gegenseitigem Hass und Verachtung geprägt gewesen. Er habe stets versucht, ihre Erwartungen zu erfüllen, beteuert er. Doch egal, was er getan habe, sein Bestes sei ihr nie gut genug gewesen.« Die Zeilen wirken gewissermaßen wie eine Abrechnung mit der Vergangenheit und seiner Beziehung zu Manuela. Doch einen Grund dafür, warum er mit Felix verschwunden ist, liefert er ebenso wenig wie eine Antwort nach ihrem Verbleib. Erst zum Schluss kommt er auf den gemeinsamen Sohn zu sprechen.
16:42
»Und Scheiße«, beendet Michael Heger den Brief. »Ich liebe Felix viel zu sehr.« Es sind Worte, die den Beamtinnen nachhängen. Denn solange niemand weiß, wo Felix ist, klingt dieser letzte Satz nicht nur wie eine Liebeserklärung an seinen Sohn, sondern auch wie eine Botschaft, deren Bedeutung sie noch nicht verstehen.
17:04
Nach dem Fund des Briefes und der persönlichen Gegenstände in der Felsnische sucht die Polizei die Umgebung weiter ab. Akribisch nehmen die Beamtinnen nahezu jeden Fleck des Waldgebiets in Augenschein, in der Hoffnung, Felix und seinen Vater endlich zu finden. Doch die beiden bleiben weiterhin verschwunden. Noch am selben Tag meldet sich eine Zeugin bei der Polizei.
17:25
Sie erzählt von einer Beobachtung, die sie am Vortag gemacht habe und die die Möglichkeit eröffnet, dass Felix und sein Vater den Schwarzwald links wieder verlassen haben. Die Frau gibt an, am gestrigen Morgen mit dem Auto an der Staustufe in Iffesheim direkt an der deutsch-französischen Grenze unterwegs gewesen zu sein. Das liegt nur rund 20 Kilometer von der Stelle entfernt, an der Michael Hegers Wagen gefunden wurde.
17:47
Dort seien ihr unmittelbar am Straßenrand, vier Tage nachdem Felix eigentlich schon wieder bei seiner Mutter hätte sein sollen, ein Mann und ein kleiner Junge aufgefallen. Das Kind habe eine viel zu große Jacke angehabt, sagt sie. Außerdem habe es so ausgesehen, als würden die beiden auf eine Mitfahrgelegenheit hoffen oder auf jemanden warten. In den nächsten Tagen melden sich noch mehr ZeugInnen, die die beiden ebenfalls dort gesehen haben wollen. Diese Information bringt eine neue Dynamik in die Ermittlungen. Die zuständige Staatsanwaltschaft Mannheim beantragt nun Haftbefehl gegen Michael Heger wegen des dringenden Verdachts der Entziehung Minderjähriger.
18:22
Ab sofort hält die Staatsanwaltschaft es für sehr wahrscheinlich, dass Michael sich mit seinem Sohn ins Ausland absetzen möchte und dieses Vorhaben von langer Hand geplant hat.
18:32
Die Ermittlungen ziehen offenbar in Betracht, dass Michael das zurückgelassene Auto und die persönlichen Gegenstände in der Felsnische bewusst zurückgelassen haben könnte, um die Suche auf das Waldgebiet zu konzentrieren. Möglich ist aber ebenso, dass der Parkplatz und die Felsnische tatsächliche Stationen auf dem Weg zur französischen Grenze waren. Doch was hat es dann mit den Blutspuren auf sich?
18:54
Ist Michael Heger wirklich zu Fuß mit einem knapp dreijährigen Kind, die rund 22 Kilometer vom Parkplatz in Bülertal bis zur deutsch-französischen Grenze gelaufen? Und auf wen oder was könnten die beiden gewartet haben? Es sind Fragen, auf die die Polizei noch keine Antworten hat.
19:11
Auch in den kommenden Wochen geht die Suche nach Felix und seinem Vater weiter. Während die BeamtInnen in die Ermittlungsarbeit vertieft sind, finden sich Felix, Großeltern Johann und Maria in einem emotionalen Ausnahmezustand wieder. Tag ein, Tag aus sitzen sie traurig und aufgewühlt zu Hause, in der Hoffnung, dass die Polizei ihren Felix findet und ihn wohlbehalten wieder nach Hause bringt.
19:32
Das ungewisse Schicksal ihres Enkels bereitet ihnen großen Kummer und hat ein kräftezehrendes Gedankenkarussell in Gang gesetzt. Unaufhörlich denken sie an Felix, an sein Wohlergehen und an die quälende Ungewissheit, ob sie ihn jemals wiedersehen werden. Johann und Maria versuchen optimistisch zu bleiben, doch die Sorge um ihren Enkel ist zu einem stillen Mitbewohner geworden, der sie auf Schritt und Tritt begleitet, jeden Tag mit ihnen am Esstisch sitzt und am Abend mit ihnen zu Bett geht.« Seit Felix' Verschwinden ist aus der sonst so angenehmen Ruhe in ihrem Zuhause eine unerträgliche Stille geworden.
20:07
Seit Wochen halt kein helles Kinderlachen mehr durch ihr Reihenhaus. Seit Wochen sind die Spielsachen im Spielzimmer unbenutzt und auch der kleine Schokoriegel auf dem Bücherregal, der seit Anfang Januar unangetastet ist, zeigt Johann und Maria schmerzlich auf, welche Lücke Felix' Verschwinden in ihren Alltag gerissen hat. Doch da ist noch etwas. Etwas, das die beiden unruhig werden lässt.
20:29
Seit einiger Zeit erreichen die beiden immer wieder merkwürdige Anrufe. Regelmäßig klingelt bei ihnen zu Hause das Telefon. Doch sobald sie abnehmen, meldet sich niemand zu Wort und ein Atmen ist das einzige Geräusch, das sie am anderen Ende der Leitung wahrnehmen können. Hin und wieder kommt ihnen der Gedanke, dass es womöglich Michael ist, der sie immer wieder anruft. Doch genau wissen können sie es nicht. Obwohl die Herzen der beiden schwer sind, klammern sie sich an die Hoffnung, dass alles gut werden wird und sie ihren kleinen geliebten Enkel schon bald wieder in die Arme schließen werden.
21:03
Doch Ende Februar erreicht die beiden schließlich eine furchtbare Nachricht. Die Polizei hat eine Leiche gefunden.
21:11
Es ist der 26. Februar 2006, als die Suche nach Felix und seinem Vater sieben Wochen nach ihrem Verschwinden zu einem ersten traurigen Ergebnis führt. Wenige Meter oberhalb eines verschneiten Feldwegs im nördlichen Schwarzwald blicken BeamtInnen auf den leblosen Körper, der vor wenigen Stunden von SpaziergängerInnen entdeckt wurde.
21:32
Die Kälte hat ihn schwer gezeichnet. Die Leiche wirkt regelrecht schockgefrostet und wurde im Gesicht bereits von Wildtieren angefressen. Dennoch müssen die Einsatzkräfte nicht lange hinsehen, um festzustellen, um wen es sich handelt. Der Tote ist Michael Heger, Felix' Vater.
21:50
Auf den ersten Blick ist nicht erkennbar, was ihn das Leben gekostet hat. Auffällig ist nur, trotz eisiger Temperaturen trägt der 39-Jährige keine Jacke. Möglicherweise hatte Michael sie also in der Felsnische, die wenige hundert Meter von seinem Leichen von Ort entfernt liegt und in der die Herrenjacke gefunden wurde, zurückgelassen. Außerdem ist der rechte Fuß barfuß, während die dazugehörige Socke sich zusammengeknüllt in Michael Hegers Hosentasche befindet. Es ist ein skurriles, merkwürdiges Bild.
22:21
Seltsam, dass seine Leiche erst jetzt gefunden wird, nachdem die Polizei das Gebiet doch nach dem Fund des Autos sorgfältig abgesucht hatte. Vielleicht waren es also tatsächlich Michael und Felix, die die Zeugenden nahe der Grenze gesehen hatten. Vielleicht ist Michael danach in den Wald zurückgekehrt. Dann wären sie den beiden ganz nahe gewesen und hätten den Wettlauf gegen die Zeit nun doch verloren.
22:44
Aber wenn Michael Hegers Leiche hier ist, wo ist dann Felix? Das Rätsel, das dieser Fall aufgibt, wird immer größer. Erneut durchsuchen die Einsatzkräfte die Umgebung. Wieder rücken Spürhunde aus. Doch auch dieses Mal führen die Suchmaßnahmen ins Leere. Von Felix gibt es weit und breit keine Spur. Ein herber Rückschlag für die Ermittelnden. Doch mittlerweile bezweifeln sie ohnehin, dass sie den kleinen Jungen mit Mutter und Großeltern wieder vereinen werden.
23:15
Der Leichenfund von Michael Heger ändert für die BeamtInnen alles. Bis zu diesem Tag gibt ihnen, so wie den Großeltern und der Mutter von Felix, der Gedanke Hoffnung, dass sie es hier nur mit einem Fall von Kindesentzug zu tun haben. Vielleicht mit dem Versuch des Vaters, mit seinem Sohn irgendwo ein neues Leben anzufangen.
23:34
Doch nun rückt eine andere Theorie in den Fokus. Eine, die sie bereits seit der Durchsuchung der Wohnung von Michael Heger im Hinterkopf haben. Und die eine düstere Erklärung dafür liefert, was mit Felix passiert sein könnte.
23:48
Anfang März 2006 treten die zuständigen Ermittlungsbehörden vor die Presse. Etwa zwei Monate ist es nun her, dass Felix von seinem Vater nicht mehr nach Hause gebracht wurde. Und nur wenige Tage, seit Michael Hegers Leiche auf einem Feldweg gefunden wurde.
24:04
Der vermissten Fall des kleinen Jungen hat öffentlich hohe Wellen geschlagen. Immer wieder berichten Medien seitdem über die laufenden Ermittlungen. Die Behörden gehen nicht davon aus, dass Michael Heger Opfer eines Gewaltverbrechens geworden ist. Dafür gäbe es keine Hinweise. Gleichzeitig halten die Ermittlungen es inzwischen für wahrscheinlich, dass Felix nicht mehr lebt.
24:25
Es müsse befürchtet werden, dass der Junge tot sei, erklärt ein Polizeisprecher. Was genau mit ihm geschehen sein könnte, ist zu diesem Zeitpunkt jedoch weiterhin ungeklärt. Die Polizei betont allerdings, dass sie einen Suizid des Vaters von Anfang an nicht ausgeschlossen habe.
24:41
Diese Theorie stützen die Ermittelnden auf mehrere Indizien. Neben Kleidungsstücken und dem handgeschriebenen Brief auf der Führerscheinkopie hatten sie am 13. Januar auch zwei leere Schnapsflaschen und eine leere Verpackung Schlaftabletten in der Felsnische entdeckt.
24:56
Tatsächlich hatten die Ermittlungen diese Theorie schon, als sie sich einen Tag nach seinem verschwindenden Zugang zu Michael Higgers Wohnung verschafft hatten. Dort hatten sie inmitten der zerwühlten Decke auf Michael Higgers Bett einen beunruhigenden Fund gemacht. Zwei Bücher, in denen verschiedene Suizidmethoden beschrieben werden. Zwar hatten deshalb bei ihnen die Alarmglocken geklingelt, doch nachdem sich mehrere Zeuginnen gemeldet hatten, die Michael und Felix nahe des französischen Grenzübergangs gesehen haben wollen, war die Theorie einer geplanten Entführung daraufhin in den Vordergrund gerückt.
25:27
Nun sehen die Ermittler sich aber in ihrer anfänglichen Vermutung bestätigt. Für die Polizei und Staatsanwaltschaft ist es naheliegend, dass der 39-Jährige die Trennung von Ex-Frau Manuela nie verkraftet hat. Er selbst schrieb in dem gefundenen Brief über Erwartungen, die er nie habe erfüllen können. Offenbar war er der Meinung, für Manuela nicht genug Geld verdient zu haben.
25:49
Die Ermittlungsbehörden vermuten deshalb, dass Michael seine Ex-Frau für die Trennung und seinen dadurch verursachten Schmerz bestrafen wollte, indem er Felix tötete und ihr damit den schlimmsten Verlust zugefügt hat, den sich eine Mutter vorstellen kann.
26:03
Und wenn das so wäre, also wenn Michael Felix getötet hat, um die Mutter zu bestrafen, dann könnte man hier ja auch von einem Stellvertreter für Bizit ausgehen, ne? Also dass nicht die Frau selbst getötet wird, sondern eine ihr nahestehende Person. Und dafür wird halt ja eben auch häufig das gemeinsame Kind genutzt, um Gewalt gegen die Frau auszuüben.
26:22
Ja, und in dem Fall kann ich auch verstehen, wieso das eine der möglichen Theorien ist. Wenn man jetzt sich die Worte aus diesem Brief mal genauer anschaut, also dass er auch so sagt, dass er Felix so doll liebt, also scheiße, dass er ihn so doll liebt. Und das spielt ja jetzt nicht unbedingt dafür, dass er jetzt seine Ex-Frau bestrafen wollte, aber dass er vielleicht einfach nicht damit umgehen konnte, so wenig Zeit mit seinem Sohn zu verbringen.
26:48
Wobei diese Worte, nie war irgendwas gut genug für dich und auch die Tatsache, dass die Großeltern da geschildert haben, dass er mit dieser Trennung überhaupt nicht gut umgehen konnte. Das kann ja schon darauf hindeuten, dass er auch, wie das eben bei Femiziden bzw. Stellvertreter Femiziden ja oft der Fall ist, mit diesem Kontrollverlust nicht klarkam.
27:09
Ja, total. Nur komisch irgendwie, dass jetzt die Leiche von Felix nicht irgendwo in der Nähe zu finden ist.
27:16
Ja, genau. Also zu dem Zeitpunkt ist das natürlich ja auch die große Frage der Großeltern und der Mutter. Wo ist Felix? Als Johann und Maria erfahren, was die Polizei mittlerweile offenbar für Schlüsse aus dem Leichenfund zieht, zieht es ihnen den Boden unter den Füßen weg. Für die beiden ist es kaum zu ertragen, dass die Ermittlungsbehörden mittlerweile nicht mehr daran glauben, dass ihr geliebter Enkel noch lebt und ihre Hoffnung, an die sie sich die vergangenen Monate geklammert haben, damit im Grunde zunichte gemacht wird.
27:46
Doch hätten die beiden zu diesem Zeitpunkt bereits alle Ermittlungserkenntnisse, würden sie dem, was die Polizei sagt, wohl eh keinen Glauben schenken. Ihnen wird nahegelegt, eine Therapie anzufangen. Sie soll ihnen dabei helfen, sich an den Gedanken zu gewöhnen, dass ihr geliebter Enkel tot ist und nie zu ihnen zurückkommen wird. Widerwillig lässt Johann sich darauf ein.
28:08
Und trotzdem wehrt sich irgendetwas tief in Johann dagegen, den Gedanken an sich ranzulassen.
28:15
Wenngleich er und Maria sich eingestehen müssen, dass sich zumindest Michaels Tod wie ein schmerzliches Puzzleteil in seine Vergangenheit einfügt. Ihr Ex-Schwiegersohn hat tatsächlich eine suizidale Vorgeschichte, in der Erwartungen an ihn eine große Rolle spielen. Johann und Maria werden es nie vergessen, wie er Ende der 90er einmal gedroht hatte, sich von einer Brücke zu stürzen. Ihre Tochter Manuela war damals regelrecht krank vor Sorge. Doch wenig später tauchte er wieder auf und gab ihrer Tochter die Schuld. Sie habe ihn wegen eines Jobs einfach zu sehr unter Druck gesetzt, behauptete er damals.
28:49
Johann und Maria verbuchten diesen Vorfall zunächst als Einzelfall, doch bereits wenige Jahre später stülpte Michael sich zu Hause eine Plastiktüte über den Kopf und kündigte gegenüber Manuela erneut an, sich umbringen zu wollen. Als Johann und Maria daraufhin zu ihnen nach Hause fuhren, hatte er von dem Vorhaben bereits wieder Abstand genommen und grinste sie schelmisch an.
29:10
Die beiden RentnerInnen waren damals überzeugt, dass er in diesen Situationen nicht wirklich ernst machen wollte und sind es auch heute noch. Doch selbst wenn sich der 39-Jährige suizidiert haben sollte, Felix kann er nichts angetan haben. Davon sind sie zumindest überzeugt. Michael hat seinen Sohn geliebt, das wissen Johann und Maria ganz genau. Trotz seines schludrigen Lebensstils und seiner Unzuverlässigkeit war er in der Rolle als Vater in den vergangenen Jahren aufgegangen. Nie im Leben hätte er Felix wehgetan, geschweige denn getötet, meinen sie.
29:46
Ich liebe Felix viel zu sehr, so schrieb er es selbst in seinem Brief. Doch zu sehr für was? Um ihn Manuela zu überlassen? Um ihm etwas anzutun? Oder andersrum, um ihn am Leben zu lassen?
30:01
Nein, das wird ihr Ex-Schwiegersohn damit nicht gemeint haben. Die Polizei hat den Brief mittlerweile einem Psychologen vorgelegt. Auch er kann nicht mit Sicherheit sagen, ob es sich dabei um einen Abschiedsbrief handelt.
30:12
Für Johann und Maria ist der Brief zum Dreh- und Angelpunkt ihrer Hoffnung geworden, denn ihrer Ansicht nach sagen die handschriftlichen Zeilen rein gar nichts über Felix' Schicksal aus. Vor allem, weil sein Vater, der ehemalige Germanistikstudent, immer sehr genau mit Worten war. Wenn Johann oder Maria mal etwas falsch gesagt haben, dann hat ihr Schwiegersohn sie immer direkt korrigiert.
30:35
Daher sind sie überzeugt, wenn Michael den Jungen wirklich getötet hätte, dann hätte er andere Worte gewählt. Klare, eindeutige. Und er hätte die Vergangenheitsform gewählt, wenn Felix zum Zeitpunkt des Verfassens des Briefs bereits tot gewesen wäre.
30:50
Und es gibt noch andere Dinge, die Johann und Maria stutzig machen. Wenn die Sichtungen der ZeugInnen stimmen, die Michael und Felix Mitte Januar nahe der Grenze gesehen haben wollen, wieso sollte Michael dann in den Schwarzwald zurückgekehrt sein? Dahin, wo er schon lange zuvor sein Auto abgestellt hatte, um sich dann dort mit Alkohol und Tabletten das Leben nehmen? Für Johann und Maria ergibt das wenig Sinn, auch weil ihr Ex-Schwiegersohn Alkohol immer verabscheut hat.
31:16
Für Felix' Großeltern kommt die Theorie eines erweiterten Suizids daher nicht in Frage. Sie sind nicht bereit, sich auf den Gedanken einzulassen, dass ihr Enkel tot ist. Johann bricht die Trauertherapie ab. Knapp drei Monate, nachdem die Leiche von Michael Heger gefunden wurde, beschließen die Großeltern, selbst aktiv zu werden. Solange ihnen niemand das Gegenteil beweisen kann, sind sie davon überzeugt, dass Felix immer noch lebt.
31:40
Ja, der einzige Beweis, den Johann und Maria für Felix tot gelten lassen würden, wäre eben Felix Leiche.
31:47
Von der fehlt ja aber nach wie vor jede Spur. Kurze Erinnerung, die Polizei hat ja nach dem Leichenfund des Vaters die Umgebung nochmal akribisch abgesucht, unter anderem mit Leichenspürhunden. Aber auch da wurde Felix nicht gefunden und auch keine Spuren von ihm wie Kleidungsstücke oder so. Und dann kommt auch noch dazu, dass es nahezu ausgeschlossen ist, dass Michael seinen Sohn irgendwo im Wald vergraben hat oder in einen der Bäche im Waldgebiet geworfen hat. Denn die Temperaturen sind damals wochenlang so niedrig, dass sowohl der Waldboden als auch umliegende Gewässer gefroren sind.
32:21
Deswegen hätte er eben auch in dem harten Untergrund keine Grube für eine Leiche ausheben können.
32:26
Ja, und das ist alles irgendwie ein bisschen merkwürdig, aber davon abgesehen, glaube ich, ist es auch sehr nachvollziehbar, dass die Großeltern sich an eine Hoffnung klammern, dass Felix noch lebt. Weil solange man keine Leiche hat, ist es, glaube ich, auch ganz schwierig, wenn es so ein plötzlicher Tod gewesen sein soll, damit abzuschließen.
32:48
Oder das überhaupt erst mal zu akzeptieren.
32:50
Ja und vor allem eben auch, wenn man das dem Vater jetzt in dem Fall eigentlich nicht zutraut. Also natürlich, da würde ich mich ja auch an alles klammern. Also nicht nur der Hoffnung wegen für einen selber, sondern es kann ja auch sein, dass Felix irgendwo ist und Hilfe braucht.
33:05
Ja, und ich glaube auch, ich glaube nicht, dass das jetzt deren Motivation da gerade ist, aber ich würde denken, wenn die Polizei denkt, dass ich denke, dass das Kind noch lebt, dass die Suche hoffentlich mit noch mehr Druck ausgeführt wird, als wenn eine Leiche gesucht wird.
33:23
Ja, das kann sein.
33:25
Einige Wochen später, der Winter ist mittlerweile dem Frühling gewichen, als Johann und Maria durch das Waldgebiet in Bülertal im nördlichen Schwarzwald laufen. Behutsam setzen sie einen Schritt vor den anderen, während die Wanderstöcke in ihren Händen ihnen zusätzlichen Halt verschaffen. Rund drei Monate nach Felix' Verschwinden laufen die beiden durch jene Gegend, die zum Mittelpunkt der Suche nach ihrem Enkel wurde. Die Polizei hat ihnen zwar ausdrücklich davon abgeraten, doch Johann und Maria haben entschieden, dass sie es nicht mehr ertragen, nur zu Hause zu sitzen.
33:56
Sie wollen nicht mehr nur zuhören und hinnehmen. Johann und Maria wollen sich an diesem Apriltag 2006 einen persönlichen Eindruck von dem Waldgebiet machen.
34:04
Vor zwei moosbedeckten Felsen bleiben sie schließlich stehen. Vor den beiden Rentnerinnen erstreckt sich nun jene kleine Felsnische, in der die Polizei Mitte Januar die persönlichen Gegenstände ihres Ex-Schwiegersohns gefunden hatte. Sie lassen ihren Blick über den kleinen Unterschlupf und die Umgebung schweifen. Und dabei stellt sich ein Gefühl ein, nach dem sie sich in den vergangenen Monaten gesehnt haben. Erleichterung. Johann und Maria sind sich sicher, hier war Felix nicht.
34:32
Hier kann er einfach nicht gewesen sein. Das Gelände ist steil und mühsam. Herumliegende Äste und dicke Baumwurzeln, die sich über die Erde erstrecken, machen den Weg gewissermaßen zum Hindernisparcours. Unvorstellbar denken die Großeltern, dass Michael hier mit einem Kleinkind entlanggekraxelt ist, erst recht nicht bei Schnee und Eis. Für Johann und Maria drängt sich damit immer mehr der Gedanke auf, dass Michael nie gemeinsam mit Felix in den Schwarzwald gekommen war. Bislang gibt es auch keine forensischen Spuren, die eindeutig belegen, dass Felix jemals im Schwarzwald war.
35:06
Das Blut, das an Michaels Auto und drum herum gefunden wurde, gehörte ihm, also Michael. Das hat die Polizei mittlerweile herausgefunden. Zudem hatten Spürhunde bei ihren Einsätzen nie eine Fährte von Felix aufgenommen.
35:19
Und auch der gefundene Kinderhandschuh sagt für Johann und Maria rein gar nichts aus. Michael Heger könnte ihn genauso gut mit all den anderen Gegenständen dort absichtlich positioniert haben, damit die Polizei sich auf den Schwarzwald konzentriert, während er genug Zeit hat, mit Felix abzuhauen. Das würde auch erklären, das Zeug in den Glauben, Vater und Sohn in Ifetsheim nahe Frankreich gesehen zu haben, während Einsatzkräfte das Waldgebiet auf der Suche nach den beiden durchkämmten.
35:45
Doch was Johann und Maria einfach nicht verstehen, wenn Michaels Plan, die Polizei zu täuschen und Zeit für eine gemeinsame Flucht mit seinem Sohn zu gewinnen, doch aufgegangen ist, warum sollte er sich dann suizidiert haben? Und wo hat er Felix gelassen?
36:01
Um auf diese Fragen endlich Antworten zu erhalten, engagieren Johann und Maria einen Privatdetektiv. Nachdem die Polizei die Ermittlungen mit der Theorie eines erweiterten Suizids eingestellt hat, setzen die besorgten Großeltern nun ihre ganze Hoffnung auf den Privatermittler, der sich laut eigenen Angaben seit Jahren auf die Suche nach entführten Kindern spezialisiert hat. Insbesondere solche, die von einem Elternteil ins Ausland verschleppt wurden. Johann und Maria wünschen sich nichts sehnlicher, als dass er Felix aufspürt. Dass er sie endlich wieder mit ihrem geliebten Enkel vereint und diesem Albtraum ein Ende bereitet.
36:35
Zu Beginn seiner Ermittlungen versucht er mehr über Michael herauszufinden. Johann und Maria erfahren von dem Privatermittler, dass Michael in esoterischen Kreisen verkehrt haben soll. Immer wieder habe er laut Recherchen des Detektivs einschlägige Messen besucht. Für Johann und Maria sind diese Infos wenig überraschend. Bereits 1997, also lange bevor Felix geboren wurde, besuchte Michael ein mehrwöchiges Seminar einer spirituellen Gemeinschaft in Portugal. Johann und Maria erinnern sich noch gut daran, wie verändert Michael damals von seiner Reise zurückkam.
37:08
Plötzlich hatte er viele Dinge, die er vorher hingenommen hatte, hinterfragt.
37:13
Vielleicht hatte er sich entschieden, die Zelte seines bürgerlichen Lebens abzureißen und gemeinsam mit Felix Teil einer solchen Gemeinschaft zu werden. Für die beiden Großeltern ein durchaus denkbares Szenario. Auch wenn sein Tod darin ein großes Fragezeichen bleibt.
37:30
Tatsächlich findet der Detektiv etwas, das die beiden auf Felix neues Leben in so einer Gemeinschaft weiter hoffen lässt. Er habe eine heiße Spur, sagt der Detektiv. Auf einer Esoterikmesse in Basel habe er sich nach Felix erkundigt und sei dabei ins Gespräch mit einer Frau gekommen. Die habe den Dreijährigen erkannt und ihm bestätigt, dass er sich bei der Tamera-Gemeinschaft in Portugal aufhalte. Einmal kurz zur Erklärung, das ist eine Kommune, die von deutschen AktivistInnen gegründet wurde und ein selbsternanntes Friedensforschungszentrum im Süden Portugals betreibt.
38:03
Das Lebensmodell der Gemeinschaft basiert unter anderem auf Nachhaltigkeit, ökologischer Selbstversorgung und einem Konzept der sogenannten freien Liebe. Das klingt ja jetzt erstmal nach einem netten Hippie-Vibe, aber der Gründer der Gemeinschaft war wegen eines früheren Kommune-Projekts schon mal massiv in die Kritik geraten. Ein ehemaliges Mitglied beschrieb ihn als unangefochtene Autorität in einem streng hierarchischen System, in dem selbst intime Gedanken und Beziehungen vor der Gruppe offengelegt werden sollten. Was fast so ein bisschen nach sektenähnlichen Strukturen klingt.
38:36
Felix, habe die Frau gesagt, befinde sich in der kleinen Stadt Tavira. Dort sei er, Zitat, bei seiner Glaubensschwester. Johann und Maria können kaum glauben, was sie da hören. Bisher glich das unbekannte Schicksal ihres Enkels für sie einer Blackbox. Nun haben sie erstmals konkrete Bilder vor Augen.
38:55
Die Großeltern stellen sich vor, wie Felix irgendwo in einer Kommune im Ausland ist. Wie fremde Menschen seine kleine Hand ergreifen, um ihm sein neues Leben zu zeigen. Und wie er mit seinen braunen Knopfaugen all die Veränderungen wahrnimmt, die er mit seinen drei Jahren noch nicht verstehen kann.« Johann und Maria sind voller Hoffnung. Vielleicht ist das der Moment, an dem alles gut wird. Womöglich stehen sie kurz davor, mit ihrem Felix wieder vereint zu werden. Euphorisch geben sie dem Detektiv grünes Licht für die Reise nach Portugal.
39:26
Doch nach einigen Tagen kehrt er schließlich ohne ihren Enkel zurück. Er hat ihn nicht gefunden.
39:32
Johann und Maria sind verzweifelt. Die Spur klang doch so vielversprechend. Hatte die Frau, die laut Aussage des Detektivs auf die Tamera-Gemeinschaft verwiesen hatte, sich schlichtweg geirrt und Felix vielleicht mit einem anderen kleinen Jungen verwechselt? Die Polizei hat da eine andere Theorie. Da der Privatermittler die BeamtInnen über die Spur Richtung Portugal informiert hatte, sind auch sie dem nachgegangen. Doch schnell mussten sie dabei feststellen, die Frau, mit der der Detektiv gesprochen haben will, ist nicht ausfindig zu machen.
40:02
Und seltsamerweise hat er sich weder ihren Namen noch ihre Telefonnummer notiert.
40:08
Die Polizei beschleicht der Verdacht, dass es diese Begegnung nie gab. Der Privatdetektiv weist öffentlich jeden Vorwurf zurück, er habe sich an dem Auftrag, Felix zu finden, mit falschen Angaben bereichert. Trotzdem haben Johann und Maria nach dieser Nummer das Vertrauen in ihn verloren. Schließlich beenden sie die Zusammenarbeit, in die sie so viel Hoffnung gesteckt haben. Und auch etliche tausend Euro ihrer Ersparnisse.
40:35
Die Ungewissheit über Felix' Schicksal ist für Johann und Maria zum schmerzhaften Begleiter geworden. Seit ihr Enkel verschwunden ist, hat für die beiden gewissermaßen eine neue, traurige Zeitrechnung begonnen. Jeder Tag ist nur noch ein weiterer ohne ihn und einer, an dem die letzten gemeinsamen Stunden mit ihm in weitere Ferne rücken.
40:54
Die Tage vergehen. Aus Tagen werden Wochen und aus Wochen Monate. Jeden Januar jährt sich das Verschwinden des kleinen Felix. Doch aufzugeben und sich mit der Theorie der Polizei zu arrangieren, kommt für sie noch immer nicht in Frage. Sie sind sich sicher, Felix ist am Leben. Er ist irgendwo da draußen.
41:13
Im Gegensatz zu ihrer Tochter Manuela, die die Öffentlichkeit meidet und ihren Kummer nicht mit der Presse teilt, sprechen Johann und Maria immer wieder öffentlich über den Fall, um auf das Verschwinden ihres Enkels aufmerksam zu machen. Regelmäßig gewähren sie JournalistInnen und Fernsehteams Eintritt in ihr Reihenhaus. Oft halten sich Johann und Maria an den Händen, wenn sie vor laufenden Kameras und Mikrofonen von ihrem Enkel sprechen oder tätscheln einander den Rücken.
41:39
Die Hoffnung ist groß, dass sich doch noch irgendjemand meldet, der oder die einen entscheidenden Hinweis zu Felix Verbleib liefern kann. Johann und Maria bleiben dabei. Für sie ist Felix am Leben, ehe ihnen jemand das Gegenteil beweist. Und noch ahnen sie nicht, dass sie schon bald etwas in den Händen halten werden, das weitere Zweifel an der Theorie eines erweiterten Suizids aufkommen lässt. Und das den ganzen Fall für sie nach mehreren Jahren in einem völlig neuen Licht erscheinen lässt.
42:08
Im Jahr 2009 erhalten Johann und Maria erstmals Einblick in die Ermittlungsunterlagen. Drei Jahre, nachdem Felix von seinem Vater nicht nach Hause gebracht wurde, haben sie nun schwarz auf weiß all die Ermittlungsschritte und Erkenntnisse vor Augen, die die Polizei gesammelt hat. Zu den Unterlagen gehört auch der Obduktionsbericht von Michael. Doch als sie den lesen, macht sich Verwirrung in ihnen breit.
42:31
Bisher sind Johann und Maria davon ausgegangen, dass ihr Ex-Schwiegersohn Suizid begangen hat. Dass er im Alkohol- und Tablettenrausch gestorben ist, vielleicht auch die eisige Kälte, die damals herrschte, ihren Teil zu seinem Tod beigetragen hat.
42:45
Dazu könnte eventuell auch passen, dass er seine Jacke, die ja schon Mitte Januar in der Felsnische gefunden wurde, nicht trug.
42:51
Das mag sich im ersten Moment irgendwie widersprüchlich anhören. Das passiert aber tatsächlich öfter, wenn Betroffene bereits in einem Zustand von Verwirrung oder Desorientierung sind. Wenn man quasi am Erfrieren ist, dann kann das auch zu einem paradoxen Entkleiden kommen, also dass eine Person, obwohl sie stark unterkühlt ist, trotzdem plötzlich Hitze empfindet und sich dann eben auch auszieht. Das Ding ist, Johann und Maria lesen jetzt eben im Obduktionsbericht Dinge, die mit dieser Theorie, dass er in einem vermeintlichen Rausch gestorben ist und dabei vielleicht auch erfroren ist, ihrer Ansicht nach nicht vereinbar sind.
43:25
Zwar wurden in Michaels Magen Rückstände von Schlaftabletten gefunden, Alkohol war dem Obduktionsbericht zufolge aber weder in Michaels Blut noch in seinem Urin nachweisbar. Stattdessen stellte die zuständige Rechtsmedizin in Freiburg schwere Brustverletzungen fest, die höchstwahrscheinlich tödlich gewesen seien. Die Ermittelnden, so entnehmen Johann und Maria es den Akten, gehen davon aus, dass diese Verletzungen von einem Sturz stammen.
43:51
Ihrer Ansicht nach nahm Michael kurz vor seinem Tod in Suizidabsicht Schlaftabletten und Alkohol zu sich. Dafür würden die leeren Schnapsflaschen und die Tablettenpackungen in der Felsnische sprechen. Dann sei er durch den Wald getorkelt und gestürzt und habe sich die tödlichen Brustverletzungen zugezogen.
44:08
Johann und Maria können nicht glauben, was sie da lesen. Wie sinnig ist die Annahme, dass Alkohol bei Michaels Tod eine Rolle gespielt haben könnte, wenn er doch laut Rechtsmedizin zum Todeszeitpunkt nicht getrunken hatte? Und wie kann es sein, dass man ihnen diese medizinische Erkenntnis die vergangenen Jahre verschwiegen hat?
44:29
Die beiden RentnerInnen fühlen sich belogen. Davon, dass Felix kein Opfer eines erweiterten Suizids wurde, sind sie seit Jahren überzeugt. Doch nun beginnen sie auch die angenommene Todesursache des Vaters anzuzweifeln. Ein geplanter Suizid, der dann in einem Unfall endete? Das klingt für sie einfach zu realitätsfern und macht die beiden sauer. Nie hätten sie gedacht, dass der Blick in die Akten sie so vor den Kopf stoßen würde. Und als wäre all das für die beiden nicht schon schlimm genug, hält der Obduktionsbericht noch ein Detail bereit, das für Johann und Maria einer bösen Überraschung gleicht.
45:06
Dem Obduktionsbericht zufolge hatte Michael an einem Handgelenk eine kleine Wunde, bei der es sich möglicherweise um eine Einstichstelle handeln könnte. Doch entgegen der Empfehlung der Rechtsmedizin hat die zuständige Staatsanwaltschaft kein toxikologisches Gutachten in Auftrag gegeben. Die Behörde hält es nicht für erforderlich, weitere Untersuchungen vorzunehmen. Für die Staatsanwaltschaft ergibt sich aus den Spuren und Verletzungen ein ausreichend schlüssiges Bild. Hinweise auf ein Fremdverschulden sieht sie nicht und Michaels Tod als hinreichend geklärt.
45:39
Ja, also wie soll man das jetzt jemandem erklären? Also wie kann das die Annahme sein, dass der betrunken getorkelt und gefallen ist, wenn er keinen Alkohol im Blut hat? Also da würden bei mir jetzt natürlich auch die Alarmglocken läuten.
45:51
Und wie oft passiert ist, dass jemand, der sich das Leben nehmen will, in dem Moment, wo er es machen möchte, so schwer verunfallt, dass die Person dann daran stirbt, statt an dem Suizid?
46:02
Ich meine, so abwegig ist es natürlich nicht, dass wenn man sagt, ich nehme jetzt hier Substanzen, Medikamente ein und denke, dass ich mich damit vielleicht dann aus dem Leben befördere. Und das funktioniert halt nicht so, wie man sich das vorgestellt hat, dass man dann natürlich vielleicht irgendwie in den Zustand eines Deliriums kommt oder was auch immer und dann ja eventuell auch nicht mehr sicher läuft, was dann gerade in so einem Gebiet natürlich auch gefährlich sein könnte. Aber ob man das nur mit Schlaftabletten schafft, ist natürlich die eine Frage.
46:34
Und dass hier ja offenbar ein eindeutiger Widerspruch vorliegt. Das finde ich ja so bedenklich.
46:40
Ja, und allein, dass hier noch diese Wunde gefunden wurde, die auch eine Einstichstelle hätte sein können und dem dann nicht nachgegangen wird. Und diese neuen Informationen über die mysteriösen Todesumstände ihres Ex-Schwiegersohns gleichen für Johann und Maria einem Schlag ins Gesicht. Sie wissen überhaupt nicht, wie sie damit umgehen sollen. Im Juni 2009 meldet sich ein Rechtsanwalt namens Alexander Moser bei den beiden. Durch einen Fernsehauftritt von Johann und Maria ist er auf ihren Fall aufmerksam geworden und bietet an, ihn fortan bei der Suche nach Antworten zur Seite zu stehen.
47:13
Dem Juristen stößt die offizielle Rekonstruktion von Michaels Tod nämlich übel auf. Auch er kann sich nicht vorstellen, dass der 39-Jährige in Suizidabsicht gestürzt und letztendlich ein Unfalltod gestorben sein soll.
47:26
In Absprache mit Johann und Maria beschließt er, sich eine weitere Meinung einzuholen und wendet sich an einen Thorax- und Lungenspezialisten, den er den Obduktionsbericht vorlegt. Und der kommt letztendlich zu einer überraschenden Einschätzung. Seiner Ansicht nach waren Michaels Brustverletzungen nicht schwer genug, um seinen Tod zu erklären. Zudem hätte man in dem Fall mehr Blut in seiner Lunge finden müssen. Laut Einschätzung des Mediziners läge das zwei Möglichkeiten nahe. Entweder Michael starb unmittelbar nach dem mutmaßlichen Sturz oder er hat zu diesem Zeitpunkt bereits gar nicht mehr gelebt.
48:02
Der Arzt hält es also für möglich, dass ihm die Verletzungen erst nachträglich zugefügt worden sind, um eine falsche Spur zu legen. Diese neuen Informationen werfen ein ganz anderes Licht auf Michaels Tod. Möglicherweise wollte sich ihr ehemaliger Schwiegersohn also gar nicht umbringen, sondern starb durch die Hände Dritter. Vor allem ihr Anwalt hält das angesichts einiger Unstimmigkeiten und Indizien für ein durchaus denkbares Szenario. Für ihn spricht vor allem die Tatsache dafür, dass die Leiche von Michael Heger genau in dem Waldstück gefunden wurde, das die Polizei Wochen vorher, nach dem Fund seines Autos, akribisch abgesucht hatte.
48:38
Ausgerechnet an einer Waldstelle, die angesichts der kahlen Bäume zu der Jahreszeit verhältnismäßig gut einsehbar war. Jemand hätte die Leiche also problemlos hierher transportieren können. Zudem bleibt die Frage, die sich Johann und Maria seit dem Fund von Michaels Leichen am Stellen, warum sollte der 39-Jährige in den Schwarzwald zurückgekehrt sein, wenn er und Felix doch laut mehreren Zeuginnen zuvor an der Grenze zu Frankreich gesehen worden waren?
49:05
Ihr Anwalt rekonstruiert die Geschehnisse ab Januar 2006 folgendermaßen. Um mit Felix unterzutauchen und irgendwo ein neues Leben zu beginnen, inszeniert Michael Heger seinen eigenen Suizid. Bereits Wochen vor seinem Verschwinden mit seinem Sohn beginnt er falsche Spuren im Schwarzwald zu legen, indem er neben persönlichen Gegenständen leere Schnapsflaschen und eine Tablettenverpackung in einer Felsnische deponiert.
49:28
Das passe auch zu der Aussage von ZeugInnen, die sich mittlerweile bei Johann und Maria gemeldet haben und sagen, sie hätten das Fahrzeug bereits um die Weihnachtsfeiertage 2005 mehrmals auf dem Parkplatz in Bülertal gesehen.
49:41
Also gut zwei Wochen vor dem verhängnisvollen Wochenende, an dem Michael und Felix verschwunden sind.
49:46
Der Jurist glaubt, dass Michael beim Untertauchen Hilfe hat, dass es einen Mitwisser oder eine Mitwisserin gibt, die ihn bei seinem gemeinsamen Neuanfang mit seinem Sohn unterstützen will. Doch an irgendeinem Punkt des Untertauchens muss etwas passiert sein und die unbekannte Person muss den 39-Jährigen getötet haben. Vielleicht durch Vergiften, zumindest würde das laut Auffassung des Juristen die mutmaßliche Einstichstelle an Michaels Handgelenk erklären.
50:12
Der Anwalt ist überzeugt, dass der oder die Täterin anschließend leichtes Spiel gehabt habe. Vermutlich habe die Person gewusst, dass Michael zuvor falsche Spuren gelegt hatte, die einen Suizid nahelegen. Und so habe der oder die Unbekannte seinen Leichnam einfach im Schwarzwald ablegen können und dieses Bild problemlos aufrechterhalten können. Demnach hätte Michael vor der Tat gestürzt sein können oder jemand hätte ihm die Verletzungen post mortem zugefügt. Warum auch immer.
50:42
Also ich weiß nicht, wieso sollte der Vater jetzt in so einer Felsnische, die ja jetzt auch nicht sofort zu finden war, da Spuren hinlegen? Weißt du, wie ich meine? Also das würde ich irgendwie für zu gewagt halten, dass das dann nicht gefunden wird.
50:58
Ja, vor allen Dingen, weil andere Sachen, die er ja irgendwo offenbar deponiert hatte, so schnell gefunden wurden. Also in seiner Einzimmerwohnung, die komplett chaotisch ist, finden sie die Sachen in der durchwühlten Decke.
51:11
Und so wie er beschrieben wird, als eher unzuverlässig oder vielleicht doch eben chaotisch, wenn man die Wohnung anschaut, dann würde ich vielleicht ihm so einen Plan gar nicht so zutrauen, dass man da jetzt schon so Wochen vorher irgendwo irgendwas platziert.
51:29
Ja, naja, ich kenne einige, die bei Aufgaben, die man erledigen muss und die lästig sind, sich nicht organisiert bekommen und bei Dingen, die den Personen dann wichtig sind, dann geht es auf einmal doch.
51:39
Mich beschäftigt halt dieser Brief auf der Führerscheinkopie. Wenn Michael den wirklich selbst geschrieben hat, dann muss er ja auch doch davon ausgegangen sein, dass der gefunden wird.
51:51
Oder er wollte den Brief noch nicht abgeben. Genau.
51:55
Für mich ist ehrlich gesagt die dritte Person ein bisschen weiter geholt. Also ich bräuchte dann auch irgendwie noch ein Motiv, warum man Michael Heger töten sollte.
52:08
Ja, also ich meine, am Ende gibt es dafür nicht wirklich Anhaltspunkte. Auch diese Theorie mit den nachträglich zugefügten Brustverletzungen. Wieso sollte man das tun? Also das lässt einfach alles so viele Fragen offen. Ja.
52:22
Aber Johann und Maria sind froh, dass sie den Anwalt Alexander Moser an ihrer Seite haben. Drei Jahre nach dem Verschwinden ihres geliebten Enkelkindes haben sie das erste Mal das Gefühl, dass ihre Zweifel an den bisherigen Ermittlungen ernst genommen werden.
52:35
Dass es jemanden gibt, der auf ihrer Seite steht und bereit ist, die Ermittlungsbehörden mit all den Dingen zu konfrontieren, die sie als widersprüchlich und unlogisch erachten.
52:45
Doch Johann und Maria sind sich mit der Theorie des Tötungsdelikts auch nicht wirklich sicher. So oder so hält auch dieses Szenario nicht die Antwort auf jene Frage bereit, die ihn seit Jahren auf der Seele brennt. Wo ist Felix? Angesichts der Theorie ihres Anwalts können sie sich vorstellen, dass jene Person, die Michael womöglich zunächst geholfen und dann getötet hat, ihn mitgenommen hat. Der Gedanke, dass ihr geliebter Enkel sich weit von zu Hause auf neue Menschen einstellen musste, setzt sie ihnen zu. Er muss solche Angst gehabt haben, solche Sehnsucht nach ihnen und seiner Mama.
53:18
Doch zugleich macht ihnen diese Theorie große Hoffnung, denn sie würde bedeuten, dass Felix irgendwo da draußen ist und sie ihn womöglich eines Tages wieder in ihre Arme schließen können.
53:29
In den kommenden Jahren werden Johann und Maria ZeugInnen eines juristischen Tauziehens zwischen ihrem Anwalt und der Staatsanwaltschaft Baden-Baden. Mehrmals fordert Jurist Alexander Moser die Behörde auf, die Ermittlungen zu den Todesumständen von Michael Heger wieder aufzunehmen. Er will erreichen, dass ein Tötungsdelikt zumindest in Betracht gezogen wird und dass etwa die Schnapsflaschen und die Tablettenverpackungen, die Mitte Januar 2006 in der Felsnische im Schwarzwald gefunden wurden, auf DNA-Spuren untersucht werden.
53:58
Die Staatsanwaltschaft lehnt das jedoch ab und verweist darauf, dass so womöglich völlig unbeteiligte Personen Teil der Ermittlungen werden könnten. Da fragt man sich so ein bisschen, sind da jetzt Menschen gemeint, die die Sachen mal in der Hand hatten, also so wie VerkäuferInnen oder Mitarbeitende aus der Apotheke? Man weiß es nicht so genau.
54:17
Ja, oder die haben irgendwie Angst, dass da irgendwelche DNA-Spuren ihrer Spurensicherer oder PolizistInnen drauf zu finden sind und das dann in eine ganz falsche Richtung gelenkt wird. Aber es ist ja ihre Aufgabe, etwas ganz genau herauszufinden, vor allen Dingen, wenn man jetzt weiß, dass die Theorie, die sie hat, Also die Staatsanwaltschaft, die Theorie, dass der betrunken getorkelt ist, gar keine Grundlage hat. Aber das wissen die ja schon lange.
54:44
Die Staatsanwaltschaft selber muss das ja wissen. Man kriegt schon den Eindruck, die stellen sich hier einfach quer. Ja.
54:52
Jedenfalls zweifelt sowohl die Staatsanwaltschaft als auch die Polizei stark an der Theorie einer unbekannten Person, die Felix Heger nach einem Mord an seinem Vater Michael Heger einfach als ihr Kind präsentiert haben könnte. Ein Kind, das einfach so irgendwo auftauche, werfe viel zu viele Fragen auf, etwa bei der Anmeldung in der Schule oder bei Besuchen bei ÄrztInnen.
55:15
Jurist Alexander Moser legt Rechtsbehelf gegen die Ermittlungseinstellungen bei der Generalstaatsanwaltschaft in Karlsruhe ein.
55:22
Außerdem reicht er Dienstaufsichtsbeschwerden gegen zuständige Mitarbeitende der Staatsanwaltschaft ein. Doch 2014 zieht auch er einen Schlussstrich unter den bürokratischen Krieg. Schnapsflaschen und Tablettenverpackungen könnten nun ohnehin nicht mehr untersucht werden, da sie nicht mehr asserviert sind, sagt der Anwalt.
55:40
Für die Ermittlungsbehörden liegt nach wie vor nahe, dass Michael Heger zunächst seinen Sohn Felix getötet und dessen Leiche verschwinden lassen hat.
55:48
Anschließend, so die Annahme, kehrt er in den Schwarzwald zurück, um sich das Leben zu nehmen. Er konsumiert Alkohol und schluckt Schlaftabletten, rührt durch den Wald, stürzt und verletzt sich. Schließlich stirbt er infolge einer Kombination aus Kälte, Erschöpfung und seinen Verletzungen an Herz-Kreislauf-Versagen. So rekonstruieren die Ermittlungsbehörden damals das Geschehen.
56:10
Für sie gibt sich daraus kein Anlass, den Tod von Michael Heger weiter zu untersuchen. Die entscheidenden Fragen von Johann und Maria bleiben damit jedoch unbeantwortet.
56:21
Im reinen Haus von Johann und Maria sieht alles noch genauso aus wie damals. Noch immer nehmen sie am selben Esstisch Platz, an dem sie oft mit Felix gegessen haben. Noch immer sitzen sie auf demselben Sofa, das damals viel zu groß für ihren kleinen Enkel wirkte. Und noch immer betreten sie hin und wieder jenes Spielzimmer, das sie an glückliche, unbeschwerte Zeiten erinnert. In dem kleinen Raum wirkt es, als sei die Zeit stehen geblieben. Mit der kleinen Kinderkasse und dem Bobbycar, die noch immer an Ort und Stelle stehen, haben Felix' Großeltern die Erinnerungen an ihn gewissermaßen konserviert.
56:55
Natürlich ist ihm klar, dass Felix mittlerweile zu alt wäre, um mit diesen Sachen zu spielen. Doch sie wegzuräumen, bringen sie schlichtweg nicht übers Herz.
57:04
Die Zeit heilt alle Wunden, so heißt es. Doch Johann und Maria sind anderer Meinung. Obwohl die Ungewissheit seit Jahren Bestandteil ihres Alltags ist, schmerzt sie die beiden doch genauso wie damals. Noch immer wissen sie nicht, was mit ihrem Enkel geschehen ist. Das Einzige, was sicher ist, ist, dass sie erst zur Ruhe kommen werden, wenn sie ihn wiedersehen oder zumindest endlich erfahren, was mit ihm passiert ist. Die Suche nach Felix ist noch immer ein Teil ihres Lebens. Die Hoffnung, ihn zu finden, gleicht einem Motor, der sie am Laufen hält und sie daran hindert, sowohl ihnen als auch sich selbst aufzugeben.
57:40
Johann und Maria haben mittlerweile eine Privatinitiative gegründet. Es gibt nun Menschen, die sie bei der Suche nach Felix unterstützen, die gemeinsam mit ihnen rätseln und mutmaßen oder auch einfach nur da sind, wenn Johann und Maria ihre Herzen ausschütten und darüber sprechen möchten, wie sehr sie ihren Enkel vermissen.
57:58
In diesem Jahr hat sich das Verschwinden von Felix zum 20. Mal gejährt. Seit zwei Jahrzehnten sind neben seinen Spielsachen, Erinnerungen und Fotos alles, was Johann und Maria von ihm geblieben sind. Die beiden sind mittlerweile hochbetagt, um die 90 Jahre alt. Bis heute ist eine Webseite im Netz abrufbar und die verlinken wir euch auch in der Folgenbeschreibung. Auf der sie Informationen rund um das Verschwinden ihres Enkels zusammengetragen haben. Und auf der eine Belohnung in Höhe von 75.000 Euro ausgelobt ist, falls jemand den entscheidenden Hinweis geben kann, Felix zu finden.
58:32
Irgendwo führt Felix vielleicht ein neues Leben und hat womöglich keine Ahnung, dass es Menschen gibt, die ihn sehnsüchtig vermissen.
58:39
In Interviews der vergangenen Jahre haben Johann und Maria immer wieder betont, wie sehr sie ihre Erwartungen heruntergeschraubt haben. Natürlich ist es noch immer ihr größter Traum, ihren Enkel eines Tages wiederzusehen. Doch mittlerweile würde ihnen auch ein kurzes Lebenszeichen die Welt bedeuten oder eine Nachricht, die ihnen verrät, dass es ihm gut geht. Es würde den beiden einen Frieden geben, nachdem sie sich seit Jahrzehnten sehen.
59:03
Und angesichts ihres Alters läuft ihnen dafür langsam die Zeit davon. Felix wäre heute, sofern er tatsächlich noch lebt, 23 Jahre alt. Er wäre ein erwachsener Mann mit Interessen und einer Persönlichkeit, die er fernab jener Menschen geformt hat, die einst seine Welt waren.
59:19
Seit 2020 steht zwischen all den eingerahmten Kinder- und Babyfotos auf der Kommode in Johann und Marias Haus ein neues Bild. Darauf zu sehen ist das Porträt eines jungen Mannes mit kurzen dunklen Haaren, markantem Kiefer und sanften braunen Augen.
59:35
Das Bild ist eine Fotomontage der englischen Universität Bradford, die zeigt, wie Felix heute aussehen könnte. Seine Großeltern haben es in Auftrag gegeben, um die Suche nach ihm weiter aufrechterhalten zu können. Vor allem Johann betrachtet das Foto regelmäßig. Und je länger er hinsieht, desto deutlicher erkennt er darin jenen kleinen Jungen, der einmal sein Ein und Alles war. Und für den er auch Jahre nach seinem Verschwinden noch immer einen Schokoriegel im Regal hinterlegt hat.
60:04
Ich finde das so schlimm, wenn so ein Ereignis einen so zerbricht. Diese armen Großeltern und natürlich auch die Mutter. Aber wir haben uns ja jetzt hier an den Großeltern entlang erzählt. Die haben ja offenbar die letzten 20 Jahre wenig andere Dinge getan. Und vermutlich konnten sie all die Sachen, die vielleicht auch noch schön waren, weniger genießen, dadurch, dass das immer so im Hinterkopf war. Ja.
60:31
Ja, zu 1000 Prozent. Also ich meine, man kennt es auch ein bisschen aus dem bekannten Kreis, Menschen, die halt in der Rente sind und nicht mehr arbeiten, die haben ja auch viel Zeit. Und ich kann mir vorstellen, dass die dann schon mal irgendwas, natürlich später irgendwelche Sachen erlebt haben oder Ausflüge gemacht haben oder irgendwas und sich dann gedacht haben, wie schön es gewesen wäre, wenn Felix dabei gewesen wäre oder wenn sie ihm das und das gezeigt hätten, worüber er sich gefreut hätte oder wie anders halt das Leben gewesen wäre, auch von diesen zwei Menschen, die auch so gern in seinem Leben waren und die er ja auch offenbar sehr, sehr geliebt hat.
61:14
Und wenn ich jetzt vor allen Dingen an Und Johann denke, der dann noch dieses Telefonat im Kopf hat, wo Felix ihn ja ganz explizit fragt, ob er nicht zu ihm kann. Also das stelle ich mir ganz, ganz schrecklich vor, wenn man daran denkt.
61:31
Und ich glaube, das alles wäre natürlich auch anders gelaufen, wenn sie mehr Antworten bekommen hätten. Also wenn die Staatsanwaltschaft da vielleicht auch ein bisschen mehr getan hätte. Ja. um denen einfach Ruhe zu geben. Ja, ich meine, vielleicht wären die ja am Ende wirklich zu diesem Ergebnis gekommen. Und ich weiß, die Aufgabe der Staatsanwaltschaft ist es nicht, den Leuten die Trauer oder die Vorstellung davon, was passiert sein könnte, zu nehmen. Aber ich glaube, für die beiden wäre das total wichtig gewesen, wenn man einfach ein toxikologisches Gutachten gemacht hätte und auch von Anfang an diese Informationen über den Alkoholkonsum und diese Brustverletzung geteilt hätte.
62:08
Ja, ja. Es bleiben ja so viele Fragen offen, wie wer hat da immer angerufen und geatmet? Hatte das überhaupt was mit Felix Verschwinden zu tun? Wieso hat die Polizei die Leiche nicht gefunden? Wo hatten die wann genau gesucht und haben sie die Leiche übersehen oder kamen die erst nachträglich dahin? Das ist ja auch so schwer zu sagen, weil wir den Todeszeitpunkt ja nicht mal kennen.
62:34
Und dann hier waren die beiden Gesichteten wirklich Felix und Michael. Oder war Michael da schon tot? Wenn sie es waren, welche Jacke hatte Felix da an, die ihm zu groß war? Und, und, und, und, und, und.
62:44
Ja, ich glaube, all sowas nährt ja auch einen Boden für Spekulationen. Und da kann ich eben auch gut nachvollziehen, warum die Großeltern auch andere Theorie neben der erweiterten Suizidtheorie zugelassen haben. Ja. Und denen dann auch teilweise nachgegangen sind. Also zum Beispiel das mit dieser Gemeinschaft da in Portugal oder auch die Theorie ihres Anwalts, dass es sich womöglich bei Michael Hegers Tod um ein Verbrechen handeln könnte.
63:12
Ich finde das alles so frustrierend, weil im Grunde alles an dem Fall so unklar ist. Also auch, was wollte jetzt Michael, als er Felix nachdenkt? Entführt hat. Wollte der einen erweiterten Suizid? Übrigens ja auch schwieriger Begriff, weil das der Tötung des Opfers dann gar nicht mehr gerecht wird. Oder wollte der einen Kindesentzug, wenn ja, vorübergehen oder für immer? Vielleicht hatte der ja auch gar keinen Plan. Und vor allem, und das ist ja was, was sich die Großeltern immer gefragt haben, so was ist jetzt mit Felix? Wurde der von seinem Vater getötet? Wurde der an Dritte übergeben?
63:43
Hm.
63:44
Gab es einen Unfall? Wie ist Michael gestorben? Suizid, geplanter Suizid und Unfall? Gab es eine dritte Person, die ihn getwittet hat? Also man hört, es gibt halt so, so viele Fragen und so, so viele Theorien, die sich daraus ergeben könnten.
63:57
Total. Und was man aber ja schon irgendwie sagen kann, ist, dass jetzt diese Theorie des erweiterten Suizids, auch wenn der Begriff jetzt wirklich schwierig ist, nicht so fernliegt. Weil, also...
64:11
Ich meine, wir hatten auch schon im Podcast Fälle oder wir kennen auch Fälle aus anderen True Crime Podcasts. Und jetzt in dem Fall zum Beispiel finde ich die Worte in dem Brief, die man da gefunden hat, wo er irgendwie sowas geschrieben hat von wegen Scheiße, ich liebe Felix so doll. Also das passt schon so zu anderen Fällen, die ähnlich gelagert sind. Und da wir wissen, dass er relativ schlecht mit der Trennung umgegangen ist, ne?
64:39
Auch wenn die Theorie der Staatsanwaltschaft da auch keine richtig zufriedenstellende Antwort irgendwie gibt. Aber wenn dem so war, also wenn Felix' Vater erst Felix und dann sich selber getötet hat...
64:56
dann Gnade dem Gott, weil da müsste ich ganz wütend sein, weil ich finde es einfach so furchtbar, wenn man das für einen anderen Menschen so entscheidet, dass das Leben dann nicht mehr lebenswert ist, wenn der Vater dann in dem Fall nicht mehr dabei ist, weil wir wissen ja jetzt auch wirklich von den Großeltern von Felix, dass da echt viele Menschen waren, die den ganz doll geliebt haben. Ja, und dass er auch einfach ohne seinen Vater bestimmt ein schönes Leben gehabt hätte.
65:27
Auf jeden Fall, ja.
65:29
Wir haben auch die Webseite der Großeltern nochmal in der Folgenbeschreibung verlinkt. Es ist unwahrscheinlich, aber wir hoffen mit so einer Veröffentlichung dann natürlich so einesfalls doch immer auch nochmal Aufmerksamkeit darauf zu lenken und vielleicht gibt es ja irgendwann doch nochmal Hinweise.
65:48
Nächste Woche geht es hier um eine Familie, die sich trifft, um zu einer Beerdigung zu fahren. Unwissend, dass dieser ohnehin schon traurige Anlass für viele von ihnen zur letzten gemeinsamen Reise werden wird. Bis dahin.
66:02
Tschüss.
66:07
Das war ein Podcast der Partner in Crime in Zusammenarbeit mit Studio Bummens. Hosts Paulina Graser und Laura Wohlers. Redaktionelle Leitung John Hanschin und wir. Redaktion Jennifer Fahrenholz und wir. Schnitt Pauline Korb. Rechtliche Abnahme und Beratung Abel und Kollegen.